Was bleibt...

Mittwoch, 25. Januar 2017

Am Montag habe ich dreizehn Gläser Johannisbeermarmelade (naja, eigentlich: Gelee) eingekocht. Die hatte meine Mama noch eingefroren. In die Kunst des Marmeladeeinkochens hat sie mich eingeweiht. Schon als Kind durfte ich mit ihr die verschiedenen Beeren, Kirschen - was eben gerade Saison hatte - putzen, zerkleinern und durch den Fleischwolf drehen (meine Mama hatte keinen Mixer) oder den Entsafter befüllen. Den großen Marmeladentopf rühren durfte ich allerdings nicht. Wenn die kochende Masse rausspritzt, tut das nämlich saumäßig weh.

Meine Mama hat auch viel mit mir gebacken. Kuchen und Plätzchen natürlich. Und immer haben wir gesungen. Viel gesungen. Ich mach das heute noch. Mit weit über fünfzig hat sie sich für mehrere Semester an einer Gesangsschule eingeschrieben. Gesungen hat sie praktisch schon immer. In zwei Chören war sie aktiv und weit über den Landkreis und das Umland hinaus wurde sie gerne als Solistin für Hochzeiten gebucht. Ihr Ave Maria ist legendär. Nun hat der Himmelschor Verstärkung bekommen...

Meine Mama hat sich nie unterkriegen lassen. Sie war immer stark, sie war immer in Bewegung. Mein Vater hatte sie oft "mein kleiner Hausgeist" genannt, weil sie immer irgendwo "rumgeisterte". Sie hat angepackt. Die Frage "Kann/schaff ich das überhaupt?" hat sich für sie nie gestellt. Sie hat es einfach gemacht. Und sie hat es gut gemacht. "Ganz oder gar nicht" war ihre Devise, halbe Sachen gab es bei ihr nicht.

Meine Mama war immer für mich da. Bei jedem meiner zahllosen Umzüge stand sie als erste auf der Matte, hat gepackt, geschleppt, tapeziert, gemalert - was auch immer zu tun war, sie hats getan. Sie war ein Energiebündel und ein Tausendsassa. Obwohl meine Mama sogar noch kleiner war als ich, hat sie mit ihrer Tatkraft und ihrem Können alle(s) in den Schatten gestellt.

Sie hat viel gearbeitet; kaum dass ich in der Schule war, hat sie sich langsam aber stetig wieder auf Vollzeit gesteigert und dies ziemlich bis zum Rentenalter beibehalten. Abends heimkommen, Essen kochen, den anfallenden Haushalt erledigen und dann gings weiter mit Heimarbeit. Große Sprünge konnten meine Eltern nie machen; dafür war es ihnen wichtig, ein Haus zu haben und die Kinder versorgt zu wissen. So habe ich von klein auf Sparsamkeit gelernt und damit auch Wert-Schätzung: Aus dem, was da ist, das Beste machen.

Nebenbei hat meine Mama lange Jahre die Jungschar und den Kindergottesdienst geleitet. Im Keller stand ein großer Schrank mit allen möglichen Bastelsachen. Die Liebe zum Rumwerkeln - egal ob Basteln oder Handarbeiten - hat sie mir vermacht. Glücklichweise zusammen mit dem erforderlichen Geschick. :) Stricken, häkeln, nähen - das alles hat sie mir beigebracht, lange bevor es auf dem Lehrplan der Schule stand. Nur allzu oft ist das Strickzeug in die Ecke geflogen. Aber jedes Mal habe ich es auch wieder hervorgeholt. Ich wollts ja schließlich lernen.

Meine Mama war eine Rebellin! Sie war Gründungsmitglied der Damengymnastikgruppe des örtlichen Sportvereins. Anfang der 1960er Jahre war dieses Ansinnen der Dorffrauen durchaus einem Aufstand gleichzusetzen und wurde vom Gemeinderat (selbstverständlich ausschließlich Herren) ausgiebigst diskutiert. Die Ehrung meiner Mama für die 50-jährige Mitgliedschaft ist inzwischen auch schon wieder eine Zeit lang her... ;)

Nachdem mein Dad vor vierzehn Jahren gestorben war, hat sie sich nochmal verliebt. Mit ihrem neuen Partner hat sie sehr viel unternommen. Sie waren oft im Urlaub, sind viel gewandert. Er hat ihr das Fahrradfahren gelernt - In ihrer Kindheit war Krieg, da zählte einzig das Überleben. Für sowas war da keine Zeit - und sie teilten die Liebe zur Musik. Es war so schön zu sehen, dass sie sich endlich mal etwas für sich selber gegönnt hat und einfach nur sie selbst sein, das Leben genießen durfte!

Die Diagnose Krebs vor ca. acht Jahren war natürlich ein Schock für uns alle. Doch sie hat ihm eine lange Nase gedreht. Zweimal. Beim dritten Mal war das Ringen etwas zäher und kraftraubender. Irgendwann war es genug für sie. Sie wollte nicht mehr kämpfen. Dank Patientenverfügung konnte auf weitere, sinnlose Behandlungen verzichtet werden. Das Unvermeidliche wäre nur noch verzögert, ihr Sterben verlängert worden, aber nicht ihr Leben.

Dass sie ihrem Wunsch entsprechend in Würde sterben durfte, dass ihr ein langsames Dahinsiechen erspart geblieben ist, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. "Ganz oder gar nicht!" So war ihr Leben und so durfte sie - allen Göttinnen und Göttern sei Dank! - auch sterben. Die Dankbarkeit überlagert bei mir momentan oftmals die Trauer. Ich weiß aber auch, dass diese unweigerlich kommen wird.

Das Trauerjahr ist nach meinen Erfahrungen keine Erfindung von Religionen oder was auch immer. Es bezeichnet schlicht all die Geburtstage, Feierlichkeiten, große und kleine Familienrituale, die jetzt das erste Mal ohne sie stattfinden. Liebgewordene Alltagstermine, die plötzlich nicht mehr existent sind. Wir begreifen Schritt für Schritt, dass sie fehlt und dass die Lücke, die sie hinterlässt, nicht so ohne weiteres zu füllen ist:

Die Mutter war's - was braucht's der Worte mehr!

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Karin Lechner (vonKarin) hat am 25.01.2017 um 20:56:01 geschrieben:

Das hat mir jetzt Tränen in die Augen getrieben ... Ein so wunderbarer Nachruf auf die Mutter, auf das was sie dir gegeben hat: auf das, was von ihr immer bei bleiben wird. Ich bin total gerührt und sende dir mein Mitgefühl. Ich wünsche dir Kraft für das Trauerjahr. Es ist gut, wenn man so viele schöne gemeinsame Momente hatte, an die man sich zurückerinnern kann.

Liebe Grüße
von Karin

Zauberweib antwortet:

Vielen Dank für deine lieben Worte.
*maldrücks*

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